Sparsames Vorbild

Eine gründliche Sanierung machte aus dem in die Jahre gekommenen Altbau ein zukunftsweisendes Niedrigenergiehaus mit Modellcharakter. Mehr als 90 Prozent Energie werden gespart.


Musterknabe in Sachen Energieeinsparung

Niedrigenergiehaus in 50181 Bedburg, Langemarkstr. 22

Eine steile Karriere hat das Haus von Jasmin Atarodi und Georg Brass in Bedburg bei Köln hinter sich. Nur knapp der Abrissbirne entkommen, hat sich das Einfamilienhaus aus dem Jahr 1958 vom scheinbar hoffnungslosen Fall zum Musterknaben in Sachen Energieeinsparung gemausert. Als eines von 143 Gebäuden im Modellprojekt "Niedrigenergiehaus im Bestand" der Deutschen Energie-Agentur (dena) wurde es energetisch auf einen zukunftsweisenden Stand gebracht. Das beeindruckende Ergebnis des vor Ort von der Energieagentur Nordrhein-Westfalen begleiteten Projekts: Der Primärenergiebedarf hat sich um 95 Prozent verringert, 18 Tonnen CO2 pro Jahr werden eingespart; mit 23,3 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr werden die Anforderungen der Energieeinsparverordnung um 78 Prozent unterschritten. 


Der Architekt riet zum Abriß

Als Jasmin Atarodi und Georg Brass das zweigeschossige Haus mit Walmdach im Jahr 2004 zum ersten Mal besichtigten, war an eine solche Karriere im Traum nicht zu denken. Dach und Außenwände waren ungedämmt, die Fenster hatten eine Einfachverglasung, die Ölheizung war fast 40 Jahre alt - energetisch entsprach das Steinzeitniveau."Abreißen!", lautete die Empfehlung des ersten Architekten, der das Haus vor dem Kauf unter die Lupe genommen hatte. Doch damit wollte sich das Paar, das spontan Gefallen an dem Altbau gefunden hatte, nicht abfinden.

 

Die Suche nach einem Energieberater über die Online-Datenbank der dena brachte die beiden auf die Spur der Architektin Gudrun Langmack aus Erftstadt www.architektur-langmack.de. Je intensiver sie sich mit einer Modernisierung des Hauses beschäftigt hatten, desto stärker war der Energiesparaspekt in denVordergrund getreten. "Nicht nur die ökologische Notwendigkeit, auch die handfesten ökonomischen Vorteile wurden für uns immer deutlicher", berichtet Georg Brass.

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Doch ein Glücksfall

Dass sie mit Gudrun Langmack die richtige Partnerin gefunden hatten, war nach dem ersten Treffen schnell klar - nicht nur wegen der langjährigen Erfahrung der Architektin mit energetischen Sanierungen. "Das liebevolle Auge der Architektin auf das alte Haus war uns gleich sympathisch", erinnert sich Jasmin Atarodi. Und mit ihren Vorstellungen von einem umfassenden Energiesparkonzept rannte die Architektin bei den Bauherren ohnehin offene Türen ein. Dass über die Jahre kaum etwas an dem Haus getan worden war, erwies sich sogar als Glücksfall. "Wir waren quasi gezwungen, alles ohne Kompromisse von Grund auf zu erneuern", erläutert Jasmin Atarodi.

Um die Wärmeverluste zu reduzieren, wurde das Haus vom Keller bis zum Dach warm eingepackt. "Dämmung hat Priorität", lautet das Credo der Architektin: "Um den Heizenergiebedarf zu reduzieren, braucht das Haus einen Pullover." Und den strickte Gundrun Langmack nach Maß:

Niedrigenergiehaus in 50181 Bedburg, Langemarkstr. 22
- Heizungsanlage, Bauherrin Jasmin Atarodi

Energieeffizienz in Zahlen

Der Keller erhielt einen neuen Estrich mit neun Zentimetern Wärmedämmung, die Kellerwände wurden von außen mit 18 Zentimetern gedämmt. Ergebnis: Der U-Wert (damit werden die Wärmeverluste einzelner Bauteile gemessen; Einheit: W/m2K) verbesserte sich von 1,42 auf 0,17, die Wärmeverluste über den Keller verringerten sich um 73 Prozent. Die Gebäudeaußenhülle wurde mit einem 20 Zentimeter starken Wärmedämmverbundsystem gedämmt. Statt wie zuvor bei 1,35 liegt der U-Wert nun bei 0,15 - eine Verbesserung um fast 90 Prozent.

Die alten Fenster mit Einfachverglasung (U-Wert 4,2) wurden durch Passivhausfenster mit Dreifachverglasung (U-Wert 0,8) ersetzt. Ergebnis: 75 Prozent weniger Wärmeverlust.
Da für die 26 Zentimeter starke Wärmedämmung unterm Dach (neuer U-Wert 0,17) eine Aufdoppelung der Dachsparren nötig gewesen wäre, wurde der Dachstuhl erneuert und angehoben. So konnten gleichzeitig die Wärmeverluste mehr als halbiert und die vorhandene Ausbaureserve um zwölf Quadratmeter erweitert werden. Für die Architektin Langmack ein Beispiel dafür, worauf es bei der Planung ankommt: "Wenn die energetischen und die anderen baulichen Maßnahmen ineinandergreifen, ist der Mehraufwand für den Niedrigenergiestandard gering."

 

Erneuerbare Energien

Niedrigenergiehaus in 50181 Bedburg, Langemarkstr. 22

Alles in allem sorgt der "warme Pullover" dafür, dass das Haus 85 Prozent weniger Heizwärme benötigt als vor der Sanierung. Zu erreichen sei ein solches Ergebnis nur, wenn alle Arbeiten absolut luftdicht ausgeführt werden, betont Gudrun Langmack. Damit die eingesparte Wärme nicht unkontrolliert durch die Fenster hinausgelüftet wird, sorgt eine automatische, feuchtegesteuert Lüftungsanlage für den notwendigen Luftaustausch - absolut geräuschfrei und ohne Zugerscheinungen.


Das neue Heizsystem konnte gleich auf den deutlich geringeren Wärmebedarf ausgelegt werden. Für die Bauherren wie für die Architektin war klar, dass sie auf erneuerbare Energien setzen würden (was sich in dem besonders geringen Primärenergieverbrauch positiv niederschlägt). Im alten Heizungskeller fand ein moderner, vollautomatischer Holzpelletkessel mit einer Leistung von zwei bis acht Kilowatt ebenso Platz wie ein 3,5 Tonnen fassendes Silo für die Einlagerung der Pellets. Eine Solaranlage mit 10,4 Quadratmetern Kollektorfläche und einem 800-Liter-Speicher unterstützt den Pelletkessel bei der Warmwasserbereitung und beim Heizen - etwa ein Drittel des dafür erforderlichen Energiebedarfs liefert kostenlos die Sonne. Dass auch die Spül- und die Waschmaschine an die Solaranlage angeschlossen sind, spart zusätzlich Strom.


Die Kosten

Mit maximal drei Tonnen Pellets im Jahr wollen Jasmin Atarodi und Georg Brass auskommen. Macht für das Haus mit 205 Quadratmetern Wohnfläche jährlich etwa 600 Euro für Heizung und Warmwasser. Höher müssten die Energiekosten auch bei anderen Häusern nicht sein, meint Gudrun Langmack: "Mit einer gründlichen Planung und dem Engagement aller Beteiligten lässt sich aus jedem Objekt ein Niedrigenergiehaus machen." Steht ohnehin eine Modernisierung an, läge der zusätzliche finanzielle Aufwand im vertretbaren Rahmen.

In Bedburg belaufen sich die Mehrkosten auf fünf bis sechs Prozent der Umbaukosten von rund 150.000 Euro. Eine Investition, die sich nach Überzeugung der Bauherren auch wirtschaftlich rechnet, denn der hohe Energiestandard steigere den Wiederverkaufswert und bedeute dauerhaft geringe Folgekosten. Eine steile Karriere anzustreben lohnt sich also - auch in scheinbar aussichtslosen Fällen.