Themenspecial: Barrierefreies Bauen

80 Jahre und älter zu werden ist heute keine Seltenheit. Da fällt das Gehen und Treppensteigen zunehmend schwerer. Wer nicht in einer barrierefreien Wohnung lebt, muss irgendwann noch einmal umziehen. Es sei denn, Sie planen Ihren Hausbau oder Umbau von Anfang an barrierefrei. Hier finden Sie Tipps und Informationen rund ums barrierefreie Bauen.


Barrierefrei: Auf alle Fälle vorbereitet

Barrierefrei wird meistens als senioren- oder behindertengerecht verstanden. Doch eine barrierefreie Immobilie ist in erster Linie aufgrund der optimierten Platzverhältnisse sehr komfortabel. Wer mit 30 Jahren ein Bauvorhaben plant, hat selten im Blick, dass er selbst einmal nicht mehr gut zu Fuß sein könnte. Auch in jüngeren Jahren ist es durchaus angenehm und sinnvoll, barrierefrei zu leben. Sie minimieren das Unfallrisiko für kleine Kinder und erleichtern allen in ihrer Mobilität eingeschränkten Besuchern den Aufenthalt in Ihrer Wohnung. Und sollten Sie einmal einen Beinbruch oder eine Muskelverletzung erleiden, freuen Sie sich doppelt über barrierefreie Wege im Haus.

Ziel des barrierefreien Bauens ist immer, die Selbstständigkeit der Bewohner einer Wohnung oder eines Hauses trotz einer Beeinträchtigung zu erhalten. Vor allem geht es dabei um bauliche Veränderungen im Eingangsbereich, in der Küche und im Bad. Dies sind die drei Bereiche, in denen eine herkömmliche Bau- und Ausstattungsweise Bewohner bzw. Besucher mit Handicap am meisten beeinträchtigt.

Aufgrund des demografischen Wandels in der Gesellschaft steigt die Nachfrage nach barrierefreien Wohnungen und Häusern. Mit einem entsprechenden Bau oder Umbau erhöhen Sie also nicht nur den eigenen Wohnkomfort, sondern auch den möglichen Wiederverkaufswert Ihrer Immobilie.


DIN-Norm für barrierefreies Bauen

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Welchen Anforderungen barrierefreies Bauen genügen muss und was Sie bei der Planung berücksichtigen sollten, hat das Deutsche Institut für Normung in der DIN-Norm 18040 festgelegt. In Teil 2 der Norm geht es speziell um den Bau und die Ausstattung von Wohnungen. Zu den Vorgaben gehört unter anderem:

  • Barrierefreie Verkehrs- und Bewegungsflächen im Wohnbereich müssen für die Personen mit dem größten Flächenbedarf ausgelegt sein. In der Regel sind das die Nutzer von Rollstühlen und Gehhilfen. Zum Beispiel müssen Sie in einem Flur, in dem Richtungswechsel stattfinden, mit einer Breite von 1,50 Meter planen.
  • Soll Ihre Wohnung oder Ihr Haus mehrere Sanitärräume haben, muss mindestens eines der Bäder barrierefrei nutzbar sein.
  • Alle Haupteingänge Ihres Hauses oder Ihrer Wohnung wie auch alle Ebenen darin müssen stufen- und schwellenlos erreichbar sein, um die DIN-Norm zum barrierefreien Bauen zu erfüllen.
  • Türen müssen mindestens 90 Zentimeter breit sein, wenn sie für Rollstuhlfahrer geeignet sein sollen.
  • Wohn- und Schlafräume sowie Küchen müssen groß genug sein, um „bei nutzungstypischer Möblierung“ ausreichend Bewegungsfläche zu bieten. Das entspricht einer freien Fläche von mindestens 150 mal 150 Zentimetern.
  • Auch in sitzender Position muss ein Teil der Fenster in den Wohn- und Schlafräumen einer barrierefreien Wohnung einen Ausblick in die Umgebung ermöglichen.

Quelle: Innenministerium Bayern; Link: https://www.innenministerium.bayern.de/assets/stmi/buw/baurechtundtechnik/planungsgrundlagen_barrierefreies_bauen.pdf

Einige moderne Bautrends kommen diesen Überlegungen sehr entgegen – etwa bodentiefe Fenster und die Renaissance des klassischen Bungalows, der ebenerdig konstruiert wird.

Besonders wichtig: Barrierefreies Bad

Über die DIN-Norm zum barrierefreien Bauen hinaus sollten Sie stets Ihre persönlichen Anforderungen und Wünsche an eine barrierefreie Wohnung im Blick haben.

Das Bad ist im Hinblick auf die Barrierefreiheit einer der wichtigsten Räume im Haus. Schließlich will man auch mit einem Handicap gerade bei der Körperpflege möglichst lange selbstständig bleiben. Die Handwerkskammer Münster hat dazu eine Checkliste veröffentlicht. Sie hilft Bauherren, an die wichtigsten Details im barrierefreien Bad zu denken. Darunter sind folgende Anforderungen:

  • Die Tür des Badezimmers schwingt nach außen auf.
  • Alle Wände sind tragfähig genug, um Haltegriffe daran zu montieren.
  • Die Spülung des WCs kann man betätigen, ohne die Sitzposition zu verändern.
  • Beim Eintritt in die Duschfläche gibt es keine Stolperkanten.

Für diejenigen, die noch weiter denken: Die Handwerkskammer Münster rät Bauherren zu berücksichtigen, dass eine Pflegekraft problemlos im Bad helfen können sollte. Dazu gehört zum Beispiel, dass die Mischbatterie der Dusche von außen erreicht und bedient werden kann.

Quelle: PDF „Barrierefrei Sanitär Checkliste“ auf www.hwk-muenster.de/wohnen


Doppelter Vorteil: So wird ein Bad bei der Renovierung barrierefrei und schick


Barrierefrei statt Stolperfallen

Nicht nur im Bad, auch in den anderen Räumen und auf Zuwegen können Stolperfallen und unnötige Behinderungen lauern. Beispielsweise in der Küche: Um auch hier barrierefreies Arbeiten zu ermöglichen, empfehlen etwa die Autoren des Handbuchs „Barrierefreies Bauen“ – Dagmar Everding, Simone Meyer und Volker Sieger – eine Mindestgröße der Küche von 15 Quadratmetern. Herd, Spüle und Arbeitsplatte sollten über Eck angeordnet sein, damit sie auch für weniger mobile Menschen ohne Umstände erreichbar sind. Rollstuhlfahrer benötigen außerdem niedrige Arbeitsplatten, die sich unterfahren lassen. In diesem Zusammenhang können Bauherren über höhenverstellbare Platten nachdenken. Diese nützen auch Kindern, die bei der Küchenarbeit helfen wollen.

Die Bauexperten Everding, Meyer und Sieger weisen in ihrem umfassenden Werk (Verlag Rudolf Müller) auf zahlreiche weitere Hindernisse für Menschen mit Handicap hin. Dementsprechend sollten Sie als Bauherr folgende Punkte beim Thema „Barrierefrei“ berücksichtigen:

  • Gibt es Treppen im Haus, brauchen sie Handläufe an beiden Seiten.
  • Bodenbeläge sollten immer rutschhemmend sein.
  • Türen kann man leichter öffnen, wenn sie nicht mit einem Drehgriff versehen sind.
  • Einhebelarmaturen lassen sich deutlich leichter betätigen als Zweihebelmischer.
  • Auch Balkone und Terrassen müssen über barrierefreie Türen erreichbar sein.
  • Der Pkw-Stellplatz sollte in der Nähe eines barrierefreien Zugangs zum Haus sein.
  • Garagen brauchen ein automatisch angetriebenes Tor. Und sie müssen so breit sein, dass sich zumindest die Fahrertür des Autos vollständig öffnen lässt.
  • Gartenwege sollten mindestens 120 Zentimeter breit sein und eine Wendemöglichkeit an Anfang und Ende haben.

Barrierefreies Wohnen für Kinder

Oft denken wir bei Barrierefreiheit nur an Altersbeschwerden, die sich irgendwann später einstellen. Doch gerade junge Paare und Familien sollten beim Hausbau oder beim Immobilienerwerb berücksichtigen, dass auch Kinder vom barrierefreien Wohnen profitieren. Gerade für Nachwuchs, der noch sehr jung ist, können viele Gefahrenquellen vermieden werden.

Kleinkindern ist allein dadurch viel geholfen, dass Bodenbeläge rutschfest sind und es weder Türschwellen noch Treppenstufen gibt, die hinab in den Garten führen. In einem Mehrparteienhaus werden die Nachbarn dankbar sein, wenn Ihr Nachwuchs nicht immer wieder mit dem Bobby-Car über die Türschwelle holpert.

Übrigens: Wenn Sie beim Neubau im Flur einen Abstellplatz für den Kinderwagen einplanen, kann das später ein Parkplatz fürs Kinderfahrrad werden. In folgenden Jahrzehnten passt dort ein Schuhregal hin, später einmal lässt sich die Nische für Rollator oder Rollstuhl nutzen.

Ein ungewöhnlicher Test für die Barrierefreiheit Ihrer Immobile: Versuchen Sie einmal, mit einem Kinderwagen alle Räume zu erreichen – Sie werden sofort auf jede Stufe, Schwelle und zu schmale Tür aufmerksam werden ...


Nachträglich barrierefrei umbauen

Wenn Sie Ihr Haus oder Ihre Wohnung neu bauen lassen, haben Sie alle Möglichkeiten, das Objekt barrierefrei zu planen. Es gibt in jedem Bundesland Architekten und Handwerksbetriebe, die sich auf barrierefreies Bauen spezialisiert haben. Der Verein „Barrierefrei Leben e.V.“ gibt auf seiner Internetseite (www.online-wohn-beratung.de) Tipps, verlinkt zu Dienstleistern und bietet zudem eine kostenlose Online-Beratung zum Thema barrierefreies Bauen an.

Schwieriger haben Sie es in der Regel, wenn Sie ein bestehendes Objekt barrierefrei umbauen möchten. Dabei stehen Sie häufiger vor unerwarteten Hindernissen – etwa was gegebene Flur- und Türbreiten, Türschwellen und die Elektroinstallation angeht. Wenn Sie darüber nachdenken, ein Haus oder eine Wohnung zu kaufen, sollten Sie also nicht nur auf Lage und Preis achten, sondern auch darauf, ob es Potenzial für einen barrierefreien Umbau hat.

Ein Beispiel: So schön mehrgeschossige Altbauten sein mögen, oft haben sie keinen Fahrstuhl. Und wenn die Möglichkeit besteht, nachträglich einen Lift einzubauen, zieht die Eigentümergemeinschaft unter Umständen nicht mit. Eine ausdrückliche Regelung dazu, was Sie an Barrierefreiheit gegen den Wunsch der anderen realisieren können, enthält das Wohnungseigentumsgesetz (WEG) nämlich nicht.

Aufmerksam sollten Sie auch bei Einfamilienhäusern sein: Führen zurzeit beispielsweise noch Stufen zur Haustür hinauf, prüfen Sie besser vor dem Kauf, ob dort vom Platz her später eine Rampe angelegt werden kann.


Fördermittel für barrierefreies Bauen

Die Förderung von Bauvorhaben ist Aufgabe der Bundesländer. Der Bund stellt den Ländern dafür Finanz- und Fördermittel zur Verfügung. Über deren Vergabe aber entscheidet jedes Bundesland selbst – und hat dementsprechend auch eigene Förder- und Vergaberichtlinien in Bezug auf das barrierefreie Bauen. Darauf wird auf der Seite der Beauftragten der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderung hingewiesen (www.behindertenbeauftragte.de).

Wer sich zunächst einmal unverbindlich informieren möchte, findet eine Anlaufstelle in den Wohnberatungsstellen, die es ebenfalls in jedem einzelnen Bundesland gibt. Eine Liste der Ansprechpartner stellt die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungsanpassung zur Verfügung (www.wohnungsanpassung-bag.de).

Es ist in jedem Fall empfehlenswert, eine Beratung zum Beispiel von Architektenkammern in Anspruch zu nehmen. Die Möglichkeiten, seinen barrierefreien Bau oder Umbau finanziell fördern zu lassen, sind für den privaten Bauherrn schwer zu überblicken. So gibt es unter Umständen außer vom Land auch Geld von

  • der Europäischen Union
  • den Pflege- und Krankenkassen
  • den Versorgungsämtern
  • der KfW-Förderbank
  • einigen Stiftungen (Suchmöglichkeit auf www.stiftungen.org)

Beispiele für Fördermaßnahmen

Einen hervorragenden Einblick in die Förderlandschaft bietet der Ratgeber „Förderprogramme für Maßnahmen zur Herstellung von Barrierefreiheit“, den Dr. Roland Zimmermann im Auftrag des Bundeskompetenzzentrums Barrierefreiheit e.V. (BKB) erarbeitet hat. Er ist online unter www.barrierefreiheit.de (http://www.barrierefreiheit.de/tl_files/bkb-downloads/Projekte/foerderprogramme_barrierefreiheit/foerderprogramme_barrierefreiheit_ab_2014.pdf) zu finden. Darin werden unter anderem folgende Förderprogramme erklärt:

  • „Altersgerecht Umbauen, Erwerb von barrierefreiem Wohnungseigentum“: Das ist ein zinsvergünstigtes Darlehen der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW).
  • „Leistungen zur Teilhabe am Leben. Beschaffung, Umbau und Erhalt einer Wohnung“: Der Zuschuss wird vom individuell zuständigen Rehabilitationsträger gegeben.
  • Mitunter können günstige Finanzierungsmöglichkeiten für barrierefreies Bauen in anderslautenden Förderangeboten enthalten sein, etwa hier: „Leben auf dem Land“, ein Kreditprogramm der Landwirtschaftlichen Rentenbank.
  • Auch die Europäische Union kann im Rahmen ihres Europäischen Strukturfonds als Förderer infrage kommen.
  • Zudem können Bau- und Umbaumaßnahmen mit dem Ziel barrierefrei unter Umständen steuerlich abzugsfähig sein. Hier sind Steuerberater und Finanzamt passende Anlaufstellen.
  • Beispielhaft sei außerdem eine Förderung in Nordrhein-Westfalen herausgegriffen. Dort unterstützt das Wirtschaftsministerium die „Förderung selbst genutzten Wohnraums – Reduzierung von Barrieren“ in Form eines Darlehens.

Barrierefrei bauen – die Vorteile im Überblick

Wenn Sie vorhaben, ein Haus oder eine Wohnung zu bauen oder umzubauen: Planen Sie in jedem Fall barrierefrei. Das hat gleich mehrere Vorteile für Sie:

  • Sie haben die Möglichkeit, entsprechende Fördergelder abzurufen.
  • Mit dem barrierefreien Ausbau steigern Sie den Wiederverkaufswert Ihrer Immobilie.
  • Sie sorgen für Ihr eigenes Alter und mögliche Handicaps vor.
  • Sie sichern Kinder ab: Barrierefreiheit kommt auch dem Nachwuchs zugute.
  • Sie lassen sich die Möglichkeit offen, Ihre eigenen Eltern im Seniorenalter zu sich zu nehmen.
  • Nicht zuletzt ist barrierefreies Wohnen auch ohne Körperbeeinträchtigung äußerst praktisch: Denken Sie nur ans Staubsaugen ohne störende Türschwellen.